Wenn Bilderfrauen lebendig werden
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nicole Scheyerer
Mittwoch, 8.3.2017
 
 
  wenn es soweit ist
© Foto: Helmut Wimmer
 
Es ist ein Projekt, von dem jede Gemäldesammlung nur träumen kann. Im Jahr 2010 lud die Wiener Regisseurin Jacqueline Kornmüller erstmals sechzehn Schriftsteller - darunter prominente Autoren wie Peter Handke, Elfriede Jelinek oder Julie Zeh - ein, für ein selbstgewähltesWerk des Kunsthistorischen Museums einen Text zu schreiben. Schauspieler hauchten diesen sehr unterschiedlichen Beiträgen dann Leben ein.
Auf das vielgelobte Debüt "Ganymed Boarding " folgten zwei ähnliche Projekte, und dieser Tage kehrt der besondere Performance - Reigen, der nach dem schönen Königssohn Trojas benannt ist, unter feministischen Vorzeichen in das Haus am Ring zurück.
Auch "Ganymed Fe Male" bleibt dem originellen Grundkonzept treu. Ein Parcours mit fünfzehn Stationen führt das Publikum wieder von Bild zu Bild, wo jeweils Auftritte in einer Länge von maximal zehn Minuten stattfinden. Aber nicht nur literarische Texte werden zum Besten gegeben, sondern auch Musikeinlagen, etwa von Mario Formenti oder dem Wiener Duo Die Strottern. Dabei ist es schon etwas Besonderes, in der nächtlichen Gemäldegalerie umherzustreifen, denn die Bilder rücken außerhalb des regulären Betriebs irgendwie näher.
Aber wie lässt sich der männliche Blick der Maler auf die Frauen, die so zahlreich nackt diese Hallen bevölkern, erwidern? Es ist ein Abend, der notgedrungen viel über die weibliche Daseinsform des Betrachtetwerdens und der Verfügbarkeit reflektiert. Die Britin Zadie Smith hat das Bildnis "Alte Frau" von Balthasar Denner ausgewählt, um über ihren eigenen Abschied von der Jugend sowie über ihre Kunstsozialisation durch den Schriftsteller John Berger zu sinnieren (F.A.Z. vom 11. Februar). Die Burgtheatermimin Petra Morzé macht den Monolog ebenso lebendig wie im Saal der Niederländer nebenan ihre Kollegin Julia Stemberger, die vor Rubens' "Pelzchen" über die Frau als Muse schwärmt und wettert."Ich bin aus Blicken gemacht" ist dieser Exkurs von Joanna Bator betitelt, der die Voyeure schließlich zum Teufel schickt.
Herzzerreißend gestaltet die Musikerin Agnes Palmisano ihre Gesangseinlage, bei der sie unter Tiepolos "Heiliger Katharina von Siena" mit einem Schlafsack wie eine Obdachlose am Boden sitzt. Mit entrücktem Blick wie Santa Catarina trägt sie eine Wienerlied-Version von Eric Claptons "Tears in Heaven" vor. Ob rebellisch oder wehmütig, "Ganymed Fe Male" lässt die Alten Meister neue Töne anschlagen - und das nicht nur über die Geschlechter und ihre Rollen. Und so wird es wohl kaum einen Besucher geben, der nicht mit dem Vorsatz einer baldigen Wiederkehr das "Kunsthistorische" verlässt.