Text von Zadie Smith im Wiener Jörgerbad
Salzburger Nachrichten - SALZBURG.COM, Wolfgang Huber Lang
 
 
  wenn es soweit ist
 
Der 80-minütige Abend erinnert an die früheren Projekte des Regisseurs Robert Quitta, der mit seinem "Österreichischen Theater" Arbeiten wie "Malina auf dem Eislaufplatz", "Galilei in der Sternwarte" oder "Byron schwimmt" (im Wiener Stadthallenbad) an ungewöhnlichen Schauplätzen realisiert hatte. Jacqueline Kornmüller, die bereits das Josephinum ("Über den Tod", 2010), das Kunsthistorische Museum ("Ganymed Boarding", 2011) oder den Theseustempel (2012) bespielt hat, hat für den schlanken, 2013 erschienenen Text von Zadie Smith einen seiner Schauplätze ausgesucht: ein Hallenbad.

In einem Wellnesscenter gegenüber der Kambodschanischen Botschaft im Londoner Viertel Willesden (in dem Smith geboren wurde und wo auch ihr bisher letzter Roman "London NW" spielt), zieht die aus der Elfenbeinküste stammende Fatou montags immer ihre Bahnen. Es ist nahezu ihre einzige Abwechslung von einem Arbeitsalltag, der für eine moderne Gesellschaft archaisch anmutet. In der Familie Derawal arbeitet sie als Haushaltshilfe, unbedankt und unbezahlt: ihr Lohn wird von ihren Arbeitgebern für Wohn- und Lebenshaltungskosten einbehalten. Doch anders als Fälle, über die sie in der Zeitung liest, sei sie wohl doch keine Sklavin, überlegt die intelligente junge Frau - schließlich dürfe sie gelegentlich das Haus verlassen. Ihre Schwimmbadbesuche, für die sie Gastausweise der Familie benutzt, absolviert sie dennoch lieber heimlich.

Der in 21 kurze Abschnitte gegliederte Text ist erstaunlich vielschichtig, das macht diese sensible Inszenierung deutlich. Er ist politisch und poetisch, reißt viele Dinge auf unspektakuläre Weise an und überrascht immer wieder. Er wechselt ganz mühelos Schauplätze, Erinnerungs- und Reflexionsebenen. Fatou erinnert sich an die Anfänge ihrer Emigration an der Seite ihres Vaters, denkt über ihr Leben und über das Schicksal der Völker nach und freut sich über die guten Gespräche mit ihrem Freund Andrew, bei dem der Körperkontakt nie über einen keuschen Wangenkuss hinausgeht. Die titelgebende "Botschaft von Kambodscha" und das auf ihrem Gelände hinter hohen Mauern offenbar immer wieder stattfindende Badminton-Spiel bleiben ebenso rätselhaft wie manches andere. Es ist der Verdienst der Inszenierung Kornmüllers, dass sich der Text seine Geheimnisse bewahrt.

Kornmüller verwendet die Schwimmhalle zunächst einmal als Resonanzraum für den von Peter Wolf als frei im Raum agierender Erzähler gesprochenen Text. Mimi Grünwald taucht als Fatou in die Fluten und zieht ihre Bahnen und schaltet sich nur manchmal auch als Sprecherin in das Geschehen ein, ebenso wie David Jarju als am Beckenrand sitzender Andrew. Yoshi Maruoka hat einen stummen Auftritt als rätselhafte Bewohnerin dieser "Botschaft von Kambodscha", die Strottern liefern den stimmungsvollen Soundtrack dazu. Am Ende wird Fatou zur Lebensretterin und verliert dennoch ihre Stellung. Doch möglicherweise eröffnet ihr diese Ungerechtigkeit erst die Möglichkeit zum Handeln in Richtung eines besseren Lebens. Die stille, nachdenkliche Fatou ist am Ende allen Zuschauern ans Herz gewachsen. Sie darf nicht untergehen!

INFO: "Die Botschaft von Kambodscha" von Zadie Smith, Regie: Jacqueline Kornmüller, Musik: Die Strottern, Mit Mimi Grünwald, David Jarju, Yoshi Maruoka und Peter Wolf, Jörgerbad, Wien 17, Jörgerstraße 42-44, Weitere Vorstellungen: 10., 17., 24., 31. Mai, 7., 14., 28., Juni, 19.30 Uhr; www.wennessoweitist.com