Von Christof Habres  
  Einzigartiges Kunst-, Literatur- und Theaterprojekt im Kunsthistorischen

Theatralische Nachhilfe für Museumsmuffel

wenn es soweit ist   Nikolaus Habjan spielt einen Text von Paulus Hochgatterer. Foto: Gustavo Allidi Bernasconi

Selten war der Begriff Bühnenbild in einer Theaterproduktion so gerechtfertigt und präsent wie beim außergewöhnlichen Projekt "Ganymed Boarding" im Kunsthistorischen Museum. Der Verein "Wenn es soweit ist" hat 16 zeitgenössische Autoren (wie Elfriede Jelinek, Peter Handke, Karl-Markus Gauß oder Juli Zeh) gebeten, zu 16 Bildern aus der Sammlung des KHM Texte zu verfassen.

Entstanden sind Texte vielschichtigster Natur: Manche setzten sich unmittelbar mit dem Bild und dem Sujet auseinander, andere treten in Dialog mit dem Ouevre und einige nehmen das Werk lediglich als Ausgangspunkt und abstrahieren es thematisch. Die Regisseurin Jacqueline Kornmüller inszeniert mit einem starken Schauspieler-Ensemble die Texte vor den Arbeiten und der Besucher ist angehalten, sich von einem Aufführungsort zum anderen zu bewegen.

Eine theatralisch-museale Reise

Die Aufführung beginnt in der Eingangshalle des Museums. Die Besucher verteilen sich je nach Farbe auf ihren Eintrittskarten auf die verschiedenen Ausgangspunkte ihrer theatralisch-musealen Reise. Sind die Aufführungen am jeweiligen Ausgangspunkt noch relativ eng besucht, verteilen sich die Besucher im Laufe des Abends immer mehr. Und das macht den großen Reiz aus: Man flaniert - mit einem Raumplan in der Hand - durch die Hallen und kann sich sein eigenes Programm zusammenstellen. Nach persönlichen Vorlieben zu Malern, Schauspielern oder Autoren. Die Besucher können einmal reinhören und -sehen, verbleiben oder weitergehen. Die einzelnen Texte werden immer wieder gespielt. Es geht sich im vorgegebenen Zeitrahmen leicht aus, alle Stücke zu sehen.

Es sprengt den Rahmen, jeden einzelnen Text zu analysieren und jede Aufführung zu beschreiben. Aber es ist dem gesamten Projekt zugutezuhalten, sehr dicht zu sein und sich auf einem hohen Niveau zu bewegen. Manche Texte und deren Gestaltung bleiben nachhaltiger in Erinnerung: Wie die titelgebende Arbeit "Ganymed Boarding" von Paulus Hochgatterer, intensiv gespielt von Nikolaus Habjan und einer Handpuppe, der starke Text von Elfriede Jelinek, präzise dargestellt von Anne Bennent, die herrliche Brandrede von Erni Mangold ("Ich spiele heute, bis ich umfalle!") nach einem Text von Franz Schuh, der starke Auftritt von Jaschka Lämmert zur Arbeit von Ferdinand Schmatz, die berührende Darstellung von Therese Affolter zum Bild "Frau am Fenster" (Text: Andrea Winkler) oder Joachim Bissmeier, der "sein" Bild verhängt und es mit eindrücklichem Spiel vor den Augen der Besucher entstehen lässt (Text: Walter Kappacher). Sehenswert sind alle, manchmal fesselt das Bild und der gesprochene Text bleibt im Hintergrund. Manchmal beeindruckt das Spiel davor und das Bild tritt zurück. Die Entscheidung liegt beim Besucher. Ebenso jene, die Aufführungsorte, das Museum zu verlassen, wann immer man möchte. Beides eine willkommene Freiheit, passend zu einem ungewöhnlichen Abend.