Maria Handler/APA, 10.9.2010  
 

Bühnen-Bilder: "Ganymed Boarding" brachte das KHM zum Sprechen

Utl.: Premierenabend lockte mehr als 400 Besucher zu nächtlichem Gipfeltreffen aus Kunst, Literatur und
Theater - Kunstvermittlung deluxe (Von Maria Handler/APA)

Wien (APA) - Bei Normalbetrieb fällt kaum auf, dass in den Sälen der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums(KHM) eigentlich viele kleine Bühnen aufgestellt sind - in der Mitte der Sitzgruppen. Gestern, Mittwoch, wurden sie und viele weitere Ecken bespielt. Der Premierenabend des Gipfeltreffens von Kunst, Literatur und Musik "Ganymed Boarding" lockte mehr als 400 Besucher zu 16 Stationen, an denen die Bühnen-Bilder lebendig wurden und das stumme Museum zu sprechen begann.
16 Autoren, von Elfriede Jelinek bis Peter Handke, von Juli Zeh bis Angelika Reitzer, haben Texte zu 16 ausgewählten Gemälden geschrieben. Die Bilder selbst werden an den "Ganymed Boarding"-Abenden (auf die Premiere folgen sechs weitere) zu Schauplatz, Lust- und Streitobjekt, Innen- und Außenansicht, Konterpart und Lehrstück. Frei im Museum herumwandernd, wird die Gemäldegalerie für den Besucher zu einem kuriosen Labyrinth, in dem hinter jeder Ecke ein hautfarben bekleideter Schauspieler, bereit zur Deklamation, lauern kann.
Vielleicht auch "nackt". Für Thomas Glavinic' gleichnamigen Text zu Rubens' "Pelzchen" zieht sich Vivien Löschner nicht nur aus, sie fordert ihre Gäste auch auf, genau hinzuschauen. "Ich liebe Blicke", lächelt sie und aus der anfänglichen Pose des Rubens-Modells wird ein selbstbewusstes Plädoyer für die Schönheit des Körpers und die Wahrhaftigkeit der Kunst.
Anderswo wird eifrig gedeutet. Erni Mangold betreibt mit Franz Schuh Handhaltungspsychologie am Porträt des "Humanist Jacob Ziegler", Jaschka Lämmert erzählt vom "Kindermord zu Bethlehem" in Ferdinand Schmatz' grausam plastischen Worten aus der Täterperspektive. Und Sven Philipp lässt sich und seine Zuhörer von Peter Handke mitnehmen in den "Großen Wald" Jacob von Ruisdeals in den er sich grelle Moose, plötzliche Tümpel und zarten Nebel hinzufantasiert hat.
Wie unterschiedlich die Interpretation ausfallen kann, zeigen Doris Uhlich und Anne Bennent, die sich bei den "Prinzessinnen" abwechseln: Den eindringlichen Furor Jelineks bei ihrer Betrachtung von Velazquez' ausstaffierten "Infantinnen" - "eingenäht in ihre Reifröcke!" - packt Tänzerin Doris Uhlich mit beinahe körperlicher Gewalt an, während sich Bennent mitten unter ihre Zuhörer setzt und sie und sich selbst langsam und leise von der Irritation zur Entrüstung steigert.
Ihr Setting haben Produzent Peter Wolf und Regisseurin Jacqueline Kornmüller (Gruppe "Wenn es soweit ist") stimmungsvoll gestaltet. Ihre Darsteller sind nur leicht bekleidet, meist in hautfarbener Unterwäsche, dazu ein wenig Pelz - sie wirken selten wie ein Museumsguide und oft wie ein Teil der Kunstwerke. Wieder und wieder spulen sie die Texte durch den Marathon des Abends ab. Die kurzen Pausen nutzen viele Besucher, um nahe an die Gemälde heranzutreten - und ihr eigenes Zwiegespräch mit den Alten Meistern zu halten. Kunstvermittlung deluxe.
(S E R V I C E - "Ganymed Boarding" von 16 Autoren zu 16 Gemälden, Regie: Jacqueline Kornmüller; weitere Termine am 22. und 29. September, 13. und 27. Oktober, 3. und 10. November, jeweils von 19 bis 22.30 Uhr; Kunsthistorisches Museum, http://www.khm.at; Dazu ist ein Buch erschienen: "Ganymed Boarding. Schriftsteller schreiben über Meisterwerke des KHM", Herausgegeben von Peter Wolf und Jacqueline Kornmüller, Brandstätter Verlag, 29,90 Euro, 112 S., ISBN 978-3-85033-490-7: http://www.wennessoweitist.com)
(Schluss) ria/whl
APA0086 2010-09-16/09:50
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