ein phantastisches Experiment
Hedwig Kainberger, Salzburger Nachrichten, 17.9.2010
 
 
Neue Texte und frisches Spiel für Alte Meister
17. September 2010 | 17:45 | | Hedwig Kainberger (SN). 

Das Kunsthistorische Museum und die Theatergruppe „wenn es soweit ist“ erzeugen neue Wirklichkeit

Im Kunsthistorischen Museum gelingt ein fantastisches Experiment namens „Ganymed Boarding“, von dem hier zu berichten ist. Folglich ist dieser Bericht über jene Schauspieler, die vor Gemälden Alter Meister jene Texte vortragen, die sechzehn Schriftsteller in den vorigen Monaten über jene Bilder verfasst haben, die Künstler vor Hunderten Jahren von Landschaft oder Mensch gemalt haben, vom Tatsächlichen vier Interpretationsstufen entfernt, also ein Abbild vierten Grades. Und doch war das, wovon hier zu berichten ist, die Premiere von „Ganymed Boarding“ am Mittwoch, so wirklich, so anregend, so unmittelbar, dass man sich viele Wiederholungen und mehrere Neuauflagen wünscht.
Für den gesamten, von der Theatergruppe „wenn es soweit ist“ initiierten Abend gilt, was der Philosoph Franz Schuh über das von ihm gewählte Kunstwerk geschrieben hat: „Ich behaupte, dass im Laufe der Geschichte hinter allen Abbildungen von menschlichem Sein und Treiben eine Frage existiert – ,existiert‘ heißt: aus dem Verlauf, aus dieser elenden und zugleich tröstlichen Vergänglichkeit herausragt, und diese Frage lautet: ,Was ist der Mensch?‘“
Die meisten Räume der Alte-Meister-Galerie des Kunsthistorischen Museums waren in angenehmes Dämmerlicht versenkt, vor unauffällig ins Licht gesetzten sechzehn Gemälden agierten Schauspieler oder sie harrten auf den nächsten Auftritt. Die Besucher zogen von Station zu Station, die jeweils ein Dreierlei aus Bild, Text und Darstellung bot.
So gewann man neue Freunde, etwa der Alte, den Tintoretto in seiner „Susanna im Bade“ links unten ins Bild gequetscht hat und den Karl-Markus Gauß in seinem Text würdigt und den Bert Oberndorfer derart lebendig zum Lamentieren und in die Welt zurück kommen lässt, dass man nicht weiß, was besser ist: Text oder Darstellung? Oder der Hirtenknabe Ganymed, der auf Correggios Bild von einem schwarzen Greifvogel entführt wird, in Paulus Hochgatterers Text „Ganymed Boarding“ in ein Flugzeug verfrachtet und in der Darstellung von Puppenspieler Nikolaus Habjan unvergesslich trotzig nach Ziege und Kapernbusch ruft. Oder Peter Paul Rubens’ Gemälde namens „Pelzchen“, das eine nackte, teils in Pelz gehüllte Frau zeigt. In deren Nähe steht am Abend der Aufführung eine splitternackte Frau, die Schauspielerin Vivien Löschner, die – einem Text von Thomas Glavinic folgend – schildert, wie Blicke von Betrachtern sich anfühlen. Oder Elfriede Jelinek, deren Text „Prinzessinnen! Brennendes Unterholz!“ vor den drei Infantinnen von Diego Velázquez und deren „gigantischen Drahtkäfigen“, „gewandigen Brutöfen“ und „tonnenförmigen Richtfesten“ vorgetragen wird, ein Mal von Anne Bennent als fantastische Rezitatorin, ein Mal von Doris Uhlich mit expressiver Körpersprache.
Der Philosoph Franz Schuh wählte das Porträt „Der Humanist Jacob Ziegler“, gemalt von Wolf Huber um 1545. Es zeigt einen weißbärtigen Mann in schwarzem Mantel mit verschränkten Händen, der Kopf ragt in den klaren Himmel, der Oberkörper steht vor erdiger Landschaft. Was Franz Schuh dazu eingefallen ist, etwa: „denn ein Leben, in dem man seine Würde bewahren will (bewahren muss), ist nicht heiter; es ist die Trauer der Erfahrung“, trägt die Schauspielerin Erni Mangold vor. Ihr zierlicher, faltiger Oberkörper ragt aus einem riesigen, glänzenden Goldrock, und sie rezitiert so witzig und hinreißend, dass man bei aller Intellektualität des Autors zum Lachen und Mitfühlen verführt wird.
Zwei Zimmer weiter rezitiert der Schauspieler Joachim Bissmeier den Text Walter Kappachers über „Der Maler Hans Burgk mair und seine Frau Anna“, gemalt von Lukas Furtenagel von 1529. Es zeigt ein traurig blickendes Ehepaar, die Frau hält einen Spiegel, aus dem zwei Totenköpfe glotzen. Mit Kappachers manchmal verzweifeltem, manchmal grübelndem Fragen nach Bedeutung, Tod und Ende sowie mit Bissmeiers melancholischer, virtuoser Darstellung passiert vor diesem Gemälde ein Wunder: Vergangenheit wird gegenwärtig, weil Gemaltes und Geschriebenes im Aussprechen und Wahrnehmen zu neuer, frischer Wirklichkeit werden. 
© SN/SW