Sophia Felbermair, ORF.at  
  

„Ganymed Boarding“: Das KHM hebt ab

Kunst, Literatur, Theater in einem: Mit dem Projekt „Ganymed Boarding“ wird das Kunsthistorische Museum zum Schauplatz von Performances zu ausgewählten Alten Meistern der Sammlung. Das Produzentenduo „Wenn es soweit ist“ inszeniert bei 16 Gemälden die Texte von 16 Autoren, darunter Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Glavinic und Gerhard Roth, die eigens für die Inszenierung verfasst wurden.

Ausgehend von einem Prolog in der Eingangshalle des Museums, erwandern sich die Zuschauer die einzelnen Stationen des Stücks in der Galerie der Alten Meister selbst. Sie können dabei entscheiden, wie lange sie sich von welcher Performance fesseln lassen. Die Darsteller - darunter Erni Mangold, Joachim Bißmeier, Martin Reinke und Therese Affolter - interpretieren die Texte auf sehr unterschiedliche Weise und schaffen damit eine Potenzierung der Künste: Bildnerische Werke werden literarisch verarbeitet und schließlich vor Publikum dargestellt.


wenn es soweit ist
ORF.at/Kaja Stepien
„Ganymeds Entführung“ neu interpretiert

Der Stücktitel „Ganymed Boarding“ ist zugleich der Titel der Arbeit von Paulus Hochgatterer über das Gemälde „Entführung des Ganymed“ von Corregio. „Am Anfang stand Blockade, die Situation, dem Bild gegenüberzustehen und in Wahrheit nicht zu wissen, wie man das umsetzen soll. Und dann, nach einer Entscheidung des Loslassens, ging’s plötzlich assoziativ ganz gut“, so Hochgatterer im Interview mit Ö1 - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Monologe in unterschiedlicher Gestalt

Für die Interpretation des so entstandenen Hochgatterer-Textes greift Schauspieler Nikolaus Habjan zu einer Handpuppe, mit der er - zwischen den Gemälden des Museums - auf einer Garnitur Flugzeugsessel sitzt und auf berührende Weise kommuniziert - eine der sehr eindrucksvollen Szenen des Abends.

Doch so unterschiedlich wie die Gemälde sind auch die präsentierten Texte. Viele Autoren näherten sich der gestellten Aufgabe mit einem deskriptiven Zugang, der in assoziative Gedankenflüge übergeht. Unter der Regie von Jacqueline Kornmüller näherte sich etwa Schauspielerin Erni Mangold einem Text des Kulturphilosophen Franz Schuh - der sich mit spitzer Feder Gedanken zu Wolf Hubers Porträt „Der Humanist Jacob Ziegler“ gemacht hat.

Im Spiel werden die Schauspieler Teil der Gemäldegalerie..

Das Buch „Ganymed Boarding“ mit den gesammelten Texten zum Stück erscheint im Christian Brandstätter Verlag und ist im KHM und im Buchhandel erhältlich.

In der Umsetzung der Performances stellt sich die Gruppe der Herausforderung eines Parallel-Stationendramas - oft nur wenige Meter voneinander getrennt wiederholen die Darsteller ihre Szenen in einer Schleife. Man nutzt fast ausschließlich die Gegebenheiten vor Ort: Podeste und Sitzbänke werden zur Bühne, es gibt keine Zusatzbeleuchtung und kaum Requisiten.

Indem die Autoren „ihre Assoziationen in Worte fassen und erläutern, was sie an den Bildern fasziniert, beschäftigt und beeindruckt, laden sie die Betrachter ein, sich zu dem Bild neu in Beziehung zu setzen“, so Produzent Peter Wolf und Regisseurin Kornmüller, die mit „Ganymed Boarding“ einen höchst ungewöhnlichen Abend, die Synthese der Kunst, geschaffen haben.

Sophia Felbermair, ORF.at